Herr Kaiser und das Geld

Das Magdeburger Theater hat Georg Kaisers expressionistisches Stück "Von morgens bis mitternachts" neu auf die Bühne gebracht und sich, finde ich, recht wacker geschlagen. Kaiser verband 1914 aristotelische Strenge mit expressionistischem Höhenrausch, filmhafte Erzählsprache mit der Rasanz einer Revue - und die Magdeburger folgen ihm darin weitgehend. Nur an der Figurenkonstellation hat Regisseur Marc Lunghuß ein wenig geschraubt. Der Bankdirektor ist bei Kaiser weitgehend Gegenspieler des kleinen Kassieres. In der aktuellen Aufführung wird der geschmeidige Banker mit den Marketing-Sprüchen auch zum Erklärer und zumindest verbalen Verteidiger seines Angestellten: Gier treibe alles an und das sei auch gut so. Das Versagen des Finanzwesens äußert sich damals wie heute gerne auch in Unterschlagungen. Ausgelöst durch den morgendlichen Besuch einer eleganten Dame in einer Kleinstadtbank, veruntreut ein namenloser kleiner Kassierer (Werner Eng) einen hohen Betrag und sucht die Dame in ihrem Hotel auf, um sich mit dem Geld ein neues Leben mit ihr zu erkaufen – doch sie lacht ihn nur aus.

strand

Nun kann er nicht mehr zurück in seine kleinbürgerliche Existenz. Er besucht noch einmal die traute Familie, hält Zwiesprache mit dem Tod und entscheidet sich für das pralle Leben, für das vermeintliche Sündenbabel der Großstadt. Wie sieht das echte Leben aus, wofür lohnt es sich zu verbrennen? Kaisers radikales Ethos lautet: "Wer sich verschleppt, bringt sich ums Leben. Ziel des Seins ist der Rekord." Beim (Berliner?) Sechstagerennen lässt der ehemalige Kassierer Spurtprämien springen. Dann zieht er durch Geschäfte, Bars und Amüsierlokale, landet bei der Heilsarmee und endet schließlich tragisch, pünktlich zu Mitternacht. Die Heilsarmee wurde in der Magdeburger Aufführung wegrationalisiert, auch sehen Freudenmädchen und Arme jetzt nichts mehr von dem Geldsegen. In der modernen Fassung folgt der Bankdirektor seinem Schützling und sammelt das Geld geschickt wieder ein, denn die Banken gewinnen immer. Insgesamt eine mitreißende Aufführung, es gab lang anhaltenden Beifall und studentisches Trampeln, ein gelungener Auftakt für die diesjährigen Landes-Literaturtage.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Anderenorts gelöscht...
Betreutes Bloggen in der "Jubelzone" Die termiten.net...
stulli - 11. Jan, 21:38
Anderenorts gelöscht...
Der Amazon-Autor Tim Jungeblut machte sich die Mühe,...
stulli - 3. Jul, 20:28
Anderenorts gelöscht...
66 Tage stand dieser Blogbeitrag unbeanstandet beim...
stulli - 6. Nov, 21:09
Wahl im Wasserglas
Der erste Wahlgang der Oberbürgermeister-Wahlen in...
stulli - 1. Jul, 21:12
Vorwiegend festkochend
Am ersten Arbeitstag des neuen Jahres lese ich früh...
stulli - 3. Jan, 09:48

Links

Suche

 

Status

Online seit 6732 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 11. Jan, 21:48

Credits


Profil
Abmelden
Weblog abonnieren